Europa rüstet auf — Innovatrice schließt die Lücke zwischen Deep-Tech und Kapital

Die europäische Verteidigungs- und Dual-Use-Technologie hat den Übergang von einer politischen Ambition hin zu messbaren Kapitalallokationen vollzogen – und das Zeitfenster für Gründer, Investoren und Partner, sich strategisch zu positionieren, ist genau jetzt offen.

Die makroökonomische Chance ist enorm

Die Verteidigungsausgaben der EU-Mitgliedstaaten stiegen zwischen 2021 und 2024 um mehr als 30 % auf rund 326 Milliarden Euro. Bis 2027 wird ein weiterer Anstieg von mindestens 100 Milliarden Euro prognostiziert – als Teil einer umfassenderen Strategie zur Wiederauffüllung erschöpfter Bestände, zur Modernisierung veralteter Systeme und zum Aufbau souveräner technologischer Fähigkeiten, die die Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferketten reduzieren sollen. Dabei handelt es sich nicht um eine einmalige Budgetanomalie eines einzelnen Zyklus, sondern um eine strukturelle Neuausrichtung der europäischen Fiskalpolitik.

Allein die Beschaffungszahlen unterschätzen jedoch das tatsächliche Potenzial. Staatliche Ausgaben für Plattformen, Munition und Infrastruktur bilden lediglich das Fundament – die darüberliegende Innovationsschicht, darunter KI-gestützte Command-and-Control-Systeme (C2), autonome Systeme, Satellitenkonstellationen und Cyberverteidigung, wächst deutlich schneller. C2 bezeichnet Waffensysteme, Netzwerke und IT-Architekturen, die Waffen und Personal miteinander verbinden. Der Verteidigungsfonds der EU (EDF) mit seinem Budget von 7,3 Milliarden Euro für 2021–2027, das ReArm-Europe-Programm mit seinem 800-Milliarden-Euro-Rahmenwerk sowie das pan-NATO Accelerator-Netzwerk DIANA zeigen alle auf ein bewusst geschaffenes System, das Dual-Use-Innovationen gezielt vom Labor bis zum einsatzfähigen Asset beschleunigen soll.

Cybersecurity ist der am schnellsten wachsende Bereich – und regulatorisch vorgeschrieben

Cybersecurity wächst nicht nur – sie wird durch europäische Regulierung faktisch vorgeschrieben. Deutschland führt den Kontinent als größter Marktteilnehmer an und soll von 15,55 Milliarden USD im Jahr 2026 auf 26,23 Milliarden USD im Jahr 2030 wachsen, bei einer CAGR von 110,2 % (Mordor Intelligence). Die NIS2-Richtlinie wurde Ende 2024 in den EU-Mitgliedstaaten verbindlich umgesetzt, und DORA trat für den Finanzsektor im Januar 2025 in Kraft. Nichtkonformität birgt existenzielle Haftungsrisiken. Die Ausgaben sind daher nicht optional.

Der besondere Engpass liegt im Bereich der OT-Sicherheit (Operational Technology) – also in den Bereichen Automotive, Maschinenbau und kritische Infrastruktur, in denen Deutschlands industrielle Basis am stärksten exponiert ist. Legacy-SCADA-Systeme, industrielle Steuerungsnetzwerke und Logistikinfrastrukturen werden derzeit in großem Maßstab auf Cyberresilienz nachgerüstet. Startups, die OT-spezifische Bedrohungserkennung, Zero-Trust-Architekturen in eingeschränkten Umgebungen oder Incident-Response-Lösungen für Industrieumgebungen anbieten können, befinden sich in einer strukturell vorteilhaften Position.

Das militärische Cybersecurity-Segment wirkt dabei als zusätzlicher Beschleuniger. Deutschlands Cyberagentur, der Bundeswehr-CIHBw und das BSI fördern aktiv Dual-Use-Cyberfähigkeiten, und allein im Arbeitsprogramm 2025 hat der EDF über 40 Millionen Euro speziell für kritische Technologien einschließlich Cyberverteidigung vorgesehen.

KI im Verteidigungsbereich erreicht einen Wendepunkt

Der globale Markt für KI im Verteidigungsbereich soll von 8,5 Milliarden USD im Jahr 2026 auf 32,8 Milliarden USD bis 2031 wachsen – bei einer jährlichen Wachstumsrate von 30 %. Unter allen Weltregionen wird Europa voraussichtlich am schnellsten wachsen, angetrieben durch EDF-Investitionen, die Ergebnisse des DIANA-Programms und die beschleunigte Digitalisierung der Bundeswehr.

Die Bereiche mit den höchsten Investitionen sind Command-and-Control-Software, ISR-Analytik, prädiktive Logistik und autonome Entscheidungsunterstützungssysteme. All diese Kategorien sind Dual-Use-Anwendungen – zivile Anwendungen in Logistik, Flottenmanagement oder industrieller Automatisierung schaffen die Umsatzbasis, die wiederum die verteidigungsspezifische Fähigkeitsschicht finanziert.

Deutschlands Positionierung ist hierbei besonders stark. Das deutsche Vorzeigeunternehmen Helsing sammelte im vergangenen Jahr 487 Millionen USD in einer Series-C-Finanzierungsrunde unter Führung von General Catalyst ein. Parallel dazu entsteht eine neue Generation von Series-A- und Series-B-Unternehmen in den Bereichen Signal Intelligence, Computer Vision für Luftplattformen und LLM-gestützte operative Planungstools. Die zivile und militärische KI-Chance sind keine getrennten Märkte – es handelt sich um dieselbe Technologie mit unterschiedlichen Fehlertoleranzschwellen. Das Dual-Use-Modell ist häufig der eigentliche Burggraben.

Die Venture-Aktivität ist massiv angestiegen

Die Investitionen in europäische Defense-Tech-Startups stiegen zwischen 2021 und 2024 um mehr als 500 % gegenüber dem vorherigen Dreijahreszeitraum. Allein im ersten Halbjahr 2025 investierten Venture-Capital-Fonds 946 Millionen Euro in europäische Verteidigungs-Startups – ein Anstieg von 26 % gegenüber dem Vorjahr, der in der Zeit vor der „Zeitenwende“ kaum vorstellbar gewesen wäre.

Das Zeitfenster ist offen – aber die Navigation entscheidet

Das makroökonomische Gesamtbild ist überzeugend. Doch Kapitalverfügbarkeit und Marktgröße sind notwendige, aber keine hinreichenden Voraussetzungen für ein verteidigungsfähiges Venture. Die Gründer, die überproportional von diesem Zyklus profitieren werden, sind jene, die drei Dinge gleichzeitig beherrschen: ein investierbares Geschäftsmodell auf Basis glaubwürdiger Technologie aufzubauen, es im richtigen Teilmarkt mit einem belastbaren Bottom-up-Total-Addressable-Market zu positionieren, der auch einer LP-Prüfung standhält, und ein Ökosystem an Beziehungen aufzubauen, das sowohl kommerzielle Validierung als auch nicht-dilutive Finanzierungsbausteine liefert und dadurch das Eigenkapitalrisiko reduziert.

Elizabeth Press ist die Gründerin von Innovatrice und D3M Labs, Berlin. Sie berät XAI- und Deep-Tech-Unternehmen zu Investitionsbereitschaft, Kapitalnarrativen und Ökosystemzugang im deutschen Verteidigungs- und Dual-Use-Innovationsumfeld.

Kontakt: Elizabeth.Press@D3MLabs.de

Quellen:

EDF: The European Defence Fund | FFG

EU Member States’ defence budgets | Epthinktank | European Parliament

Germany Cyber Security Market Report | Industry Analysis, Size & Growth Trends

Germany Transposes NIS 2 Directive – Increased Cybersecurity Requirements for Businesses | Global Policy Watch

Cyber Innovation Hub

€1 billion EU boost for European defence research – EUbusiness.com | EU news, business and politics

AI in Defense Market Trends, Growth & Insights: Forecast 2031

Defense and resilience tech reached an all-time high 10% of all VC funding in Europe | TechCrunch

Tech startups in the European defense sector | McKinsey

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